Buchtipp Sommer/Herbst 2022

Der Stoff aus dem Wir sind

Fabian Scheidler, Piper Verlag 2021

Infos vom Verlag:

„Ökologische Krise und Klimachaos bedrohen die Zukunft der Menschheit. Eine der Ursachen dafür ist ein technokratisches Weltbild, das die Natur zu einer beherrschbaren Ressource in der Hand des Menschen degradiert. Fabian Scheidler zeigt in einer faszinierenden Reise durch die Geschichte der Wissenschaften, dass diese Auffassung der Natur ein tödlicher Irrtum ist. Mit einem überraschenden neuen Blick auf das Leben, die Wissenschaft und uns selbst eröffnet dieses Buch Perspek-tiven für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel.“

In den ersten Kapiteln des Buches werden Geschichte, Modelle und Denkansätze aus Physik und Philosophie durchleuchtet. Beide stehen in Wechselwirkung zueinander. Philosophische Betrachtungen basieren oft auf Ergebnissen und Erkenntnissen der Physik. Wer ist der Mensch, was bestimmt das Leben auf der Erde, welche Kräfte wirken im Universum und halten Ordnung in den Laufbahnen der Planeten, den Strukturen der Materie? Aus welchem Stoff sind wir gemacht und nach welchen Kräften organisiert sich das Leben und Zusammenleben auf der Erde, nicht zuletzt auch das menschliche?

Kritischer gedacht könnte man behaupten, dass Machtgier die treibende Kraft in einigen menschlichen Gesellschaften ist, vor allem jener der westlichen Zivilisation. Und dass folglich Jene an der Macht die Gesellschaft strukturieren, um ihre Macht zu mehren und zu sichern.

Im globalisierten Kapitalismus funktioniert das, indem immer neue technologische Entwicklungen angetrieben werden und deren breite Ausrollung über Märkte, Politik und internationale Institutionen forciert werden.

Und da uns Menschen immer ein Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit begleitet, das befriedigt werden will, wird ein jeweils passender philosophischer (besser: ideologischer) Überbau konstruiert und verbreitet.

In Zeiten der Digitalisierung sind das Ideen von Transhumanismus, von überholten und dogmatisierten Theorien der Physik bis hin zum Glauben an einen Gott, der die monopolisierte, binäre Kreativität der Algorithmen „geiler“ findet als alles, was sich bisher im Universum entwickelt hat.

Auf diese Weise kann die Tragik des Verlustes der Kreativität des Lebens auf unserem Planeten leichter wegargumentiert werden. Die ganzheitliche, lebendige Kreativität von Fortpflanzung und Wachstum, von Tanz und Bewegung, vom Schaffen mit den Händen, von analoger Musik, vom Jagen und Sammeln, Gartengestalten und Träumen, Lieben, Leiden und Leben…

Die Kreativität der Kräfte, die das Leben auf Planet Erde hervorgebracht haben… sie sollen als unvollkommen dargestellt werden neben der Perfektion des Maschinendenkens;

Ein Ursprung dieses Denkens beruht auf (t‘schuldigung, aber) historischen Psychopathen der Renaissancezeit wie eines René Descartes. Er hängte Hunde auf und folterte sie, um zu beweisen, dass sie in Wirklichkeit kein Leid empfinden, sondern – wie intelligente Maschinen – lediglich reflexhaft ihre Funktionsfähigkeit zu erhalten versuchen. Die Maschine quitscht nunmal wenn Öl fehlt und Metall auf Metall reibt – folglich verschleißt. Mit seinem berühmten Ausspruch „ich denke also bin ich“, stellte er den Menschen über alles andere Leben, das nun zur toten Materie, zur mechanisch funktionierenden Maschine, degradiert wurde.

Nicht der körperliche Schmerz und noch viel weniger der Vertrauensbruch und der seelische Schmerz, den ein loyales, liebesfähiges Wesen wie ein Hund dabei erleidet, findet laut dieser autistischen Philosophie (besser: Philagnosie) statt.

Das mechanistische Weltbild ist im Zusammenhang seiner Zeit zu betrachten – einer Zeit, in der die Kontinente dieser Erde von Europa ausgehend kolonialisiert, also beraubt und ausgebeutet wurden; Sklaverei, Folter und Völkermord mit im Gepäck. Menschen mit dunklerer Hautfarbe, anderer Kultur, Sitten und Sprache ließen sich sehr leicht auf eine Stufe nahe der „seelenlosen Materie“ der Pflanzen und Tiere stellen und damit war die Gewissensfrage im Umgang auch mit ihnen beantwortet.

Jede Weltanschauung, Religion und Philosophie kann im Zusammenhang ihrer Zeit, der technischen Entwicklungen, Wirtschaftsweisen und vor allem der gesellschaftlichen Strukturen und Machtverhältnisse betrachtet werden. Auf diese Weise wird klar, dass es sich vielfach um ebendies handelt: den ideologischen Überbau, der eine Entwicklung rechtfertigen und Strukturen zementieren soll. (Eine Ausnahme stellen die Mystischen Richtungen der Religionen und die Wissenschafts-Avantguarde dar, die auf echtes Wissen abzielen, ihre Erkenntnisse nicht in Dogmen zementieren, meist aufgeschlossen gegenüber anderen Ideen sind und die nicht missionieren.)

Digitalisierung in der aktuellen Form (denn sie könnte auch anders ausschauen) – um welche Strukturen geht es hier? Wer sind jene an der Macht, die ihre Position sichern wollen? Und zu welchem Preis? Auf welche Stufe stellt diese Philoagnosie das Leben auf dem Planeten, die Pflanzen, Tiere, Deinen Hund und Dich selbst? Und all die vielen Menschen in Asien, Afrika, Südamerika und auch im Rest der Welt, die nicht so hoch technisiert leben?… und die auch niemals den mit der Technisierung einhergehenden Ressourcenverbrauch verursachen werden können, ohne dass die Lebensgrundlagen dieses Planeten noch um ein Vielfaches schneller vernichtet werden als dies jetzt bereits der Fall ist.

Hier soll kein eigenes Buch zum Thema entstehen, auch kein ausführlicher Essay.

Das Buch von Fabian Scheidler bereitet die Thematik detailliert und fundiert auf. Der Anfang zu Physik und Philosophie mag etwas langatmig erscheinen, ist aber die Grundlage um die anschließende Aufbereitung der Probleme zu verstehen.

Meine kritischen Gedanken zum Thema, das sind meine Gedanken – eine Synergie aus eigener jahrelanger Beschäftigung mit der Philosophie zum faszinierenden, wunderbaren, vielfältigen und kreativen Leben auf dieser Erde und dem seltsamen Umgang unserer Zivilisation damit. Und dass ich zu diesem Thema jetzt so viel und so frei von der Leber weg geschrieben habe, beweist einmal mehr, dass Transhumanismus ein unreifer, nicht durchdachter und vor allem nicht durchfühlter Unfug ist. Denn das, was uns „bewegt“, das bewegt uns: Begeisterung, Unzufriedenheit, Erschrecken, Freude und Staunen… Digitalisierer selbst sind einfach nur von der Technik begeistert. Vom Fühlen losgelöste rationale Gedanken bewegen uns selten und künstlich generierte Algorithmen bewegen uns nur ganz wörtlich und absolut passiv im Sinn von Masse & Geschwindigkeit, nämlich dann, wenn wir in einem digital gesteuerten Fahrzeug sitzen.

Mein nächster Buchtipp wird übrigens genau zum seltsamen Umgang von uns Zivilisationsmenschen mit der Natur sein: „Of Nature and Madness“. Eine seltene Perle in der Buchwelt, von Paul Shepard;